Flaggen sind Super-Marken

Für viele Künstler und Designer ist es der erklärte Traum, einmal in Ihrem Leben die Flagge eines Landes zu gestalten. Das kommt nicht von ungefähr, denn Flaggen sind ja nicht nur die Markierung eines Landes, sondern die Repräsentation derInhalte mit denen ein Land aufgeladen sein kann. Nur wenige Symbole tragen so viel emotionale Kraft in sich wie Flaggen. In ihnen stecken die Geschichten des Heimatlandes, Erinnerungen, Städte, Landschaft, Stolz und mehr. Sportlern treten die Tränen in die Augen, wenn die Flaggen bei Siegerehrungen gehisst werden. Flaggen sind aufgeladen, wie es Logos und Slogans oder Claims nie sein können. Weil sie zu uns gehören und unsere Identität mitbegründen.

Rainbow-Flagge

Fred Brownell ist einer der wenigen glücklichen Künstler, die sich an einer Flagge versuchen durften. Der Flaggenkundler gestaltete 1994 für Südafrika die Flagge der Post-Apartheid-Ära, als sich das Land unter Präsident Nelson Mandela neu erfand. Die Kolonialvergangenheit und Rassentrennung sollten abgeschüttelt werden und ein neues Symbol die zerrüttete Bevölkerung einen. Brownells Entwurf versuchte die Vielfalt Südafrikas darstellen und den Weg, der sie zueinander führte. Die Flagge war das richtige Symbol zur richtigen Zeit unter dem sich neue Rainbow-Nation finden und versammeln konnte.

Neue Flaggen müssen nicht immer das Resultat von radikalen Umbrüchen, Kriegen und Revolutionen sein. In Neuseeland gibt es seit Jahren Diskussionen darüber, die Flagge neu zu gestalten, die noch immer ein Relikt der Vergangenheit als britische Kolonie ist. Der aktuelle Premierminister John Key hat die Debatte dieses Jahr wieder entfacht und möchte 2015 bzw. 2016 ein neues Design zur Abstimmung bringen

Macht es für Neuseeland Sinn, seine Flagge zu ändern? Aus der Perspektive eines Markenberaters ist die Entscheidung eigentlich einfach, wenn man sich drei grundsätzliche Fragen über die eigene Marke/Flagge stellt:

  •     Reflektiert die Marke unser Selbstbild?
  •     Führt uns die Marke in die Zukunft?
  •     Differenziert uns die Marke?

Marken sind auf die Zukunft ausgerichtet, nicht auf die Vergangenheit. Natürlich kann man die Geschichte nicht beiseite schieben, aber das Festhalten an der Vergangenheit macht nur Sinn, solange die Marke Kraft daraus ziehen kann. Marken, wie Nationen müssen eigentlich in die Zukunft gerichtet leben.

Für Neuseeland stellt sich die Frage, was denn nun das Selbstbild mehr prägt und prägen wird: die koloniale Vergangenheit oder die selbst errungenen Erfolge in Sport, Film, Wirtschaft etc. So gefragt ist die Antwort einfach: die Nation hat sich längst emanzipiert. Das äußert sich auch in der besonderen Betonung des Maori-Erbes der Nation, so ist Maori zweite Pflichtsprache an Schulen Neuseelands. Eigentlich besteht großer Bedarf, dieser neuen eigenen Identität und dem selbst gemachten Stolz ein Symbol zu geben. Denn die aktuelle Flagge ignoriert das Erbe der Maori komplett, signalisiert stattdessen ein Anhängsel des Vereinigten Königreichs.

Ausflag_identity

Damit ist Neuseeland nicht allein. Eine Flagge muss sich wie eine Marke differenzieren. Wieviele Europäer können auf Anhieb die neuseeländische und australische Flagge unterscheiden, sowie das halbe Dutzend Pazifik- und Karibikstaaten, die ebenfalls die Varianten der Kolonialflaggen des British Empire auf ihren Masten wehen haben?

Für das Referendum gibt es schon einen Favoriten: Die Silver Fern Flag, also die Flagge mit silbernem Farn auf schwarzem Grund ist de facto die inoffizielle Flagge Neuseelands, die bereits in unzähligen Anwendungen Verwendung gefunden und Ansehen erlangt hat – vom Staatswappen bis zur Uniform der All Blacks, der gefürchteten Rugby-Nationalmannschaft. Die Bevölkerung hat die Silver Fern Flag schon seit Jahren gelernt und angenommen. Sie vereint eigentlich das neue Neuseeland schon unter sich.

Silberfarn-Flagge

Unter diesem Gesichtspunkt würde der Berater mit dem Blick von außen den Wechsel nahe legen. Die Bevölkerung Neuseeland ist übrigens geteilter Meinung und es wird wohl eine enge Entscheidung im kommenden Referendum.

Bildquellen: Wikipedia (alle 3)