Deichmann will Agenturideen für ein Taschengeld

Vielen Dank Herr Strerath, dass Sie das Thema Free-Pitching wieder in die Schlagzeilen der Fachpresse gebracht haben!

Was bisher geschah: Europas größter Schuhhändler hat 20 Agenturen zum Pitch für aufmerksamsstarke Kommunikationsideen zum 100-jährigen Firmenjubiläum gebeten. Gezahlt werden für Ideen, Präsentation, Kalkulation und Rechteabtretung (!) je 2000 Euro pro Agentur, für den Sieger 10.000 Euro extra. Thomas Strerath, CEO von Ogilvy findet dieses Angebot eine „bodenlose Frechheit“ und hat seine Agenturkollegen zum Boykott aufgerufen. Nun hat eine heftige Diskussion über Für und Wider zum Vorgehen der Verantwortlichen bei Deichmann, der Reaktion von Herrn Strerath und die Kommentare anderer Agenturchefs begonnen.

In dem aktuellen Deichmann-Fall geht es nicht nur um Free im Sinne von „wir zahlen nichts, bzw. nur ein Taschengeld“, sondern Free im Sinne von ohne Briefing und „Macht doch mal was Schönes“. Wenn es uns gefällt, nehmen wir es und wenn nicht dann eben nicht. Die Rechte sind ja mit dem „Taschengeld“ erstmal abgetreten, also entsteht auch keinerlei Verpflichtung gegenüber den teilnehmenden Agenturen.

Jede/r der einen wirklich kreativen Prozess von Auftraggeber und Auftragnehmer miterlebt hat, weiß, dass beide Parteien ihre Rollen und Aufgaben haben und ein hervorragendes Ergebnis nur im perfekten Zusammenspiel zu erreichen ist. Es braucht eine Agentur, die schlaue Ideen erarbeitet und einen Kunden, der die Qualität der Ideen auch erkennt, sie annimmt und durchsetzt.

Die „tolle Idee“, die man am Abend bei einem Glas Wein hat, gibt es in der TV-Vorabendserie, und für mich immer wieder erschreckend, ist diese Meinung auch bei manchen Auftraggebern sehr verbreitet. Im realen Leben sitzen wir nicht mittags drei Stunden beim Italiener, kritzeln auf Servietten rum und schütten uns mit Alkohol zu, wenn wir für unsere Kunden Ideen generieren. Eine innovative Markenstrategie zu entwickeln, eine eigenständiges Design zu entwerfen und eine zeitgemäße Kommunikationskampagne aufzusetzen, ist hochprofessionelle Arbeit, die durchaus viel Spaß machen kann, aber im Ergebnis für einen Kunden einen hohen Wert darstellt, dem ein angemesser Preis gegenüber steht. Der aufgeklärte Kunde weiß das zu schätzen, respektiert die Leistung einer Agentur und agiert finanziell fair.

Wie würde Deichmann reagieren, wenn ich in einem ihrer Läden sagen würde, ich sei auf der Suche nach Schuhen für meine Geburtstagsparty und ob Sie mir mal Schuhe zum Anprobieren bringen könnten. Fragen zur Schuhgröße, zur Party selbst, meiner Kleidung, etc. würde ich nicht beantworten wollen, mit dem Hinweis, das könnten sie sich ja mal selbst überlegen. Auf jeden Fall würde ich alle Paare die mir vorgelegt werden erstmal mitnehmen. Für jedes Paar würde ich 10 Euro zahlen und für die, die ich dann tatsächlich anziehe, 50 Euro extra!
Ich denke, man würde mich rasch für verrückt erklären und/oder gleich die Polizei rufen. Dagegen kommt Deichmann mit einem Aufruf zum Boykott noch gut weg …

Klaus Asemann